rückenwind e.V. | Marie´s Tagebuch Januar 2017
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Marie´s Tagebuch Januar 2017

„Hui!“, ruft meine Assistentin und schlittert nach einem Ausfallschritt über den Gehweg, bevor sie sich an der Ampel abfängt um nicht auf der Straße zu landen. Mit meinem Rollstuhl tuckere ich hinterher, die motorisierten Räder führen ein Eigenleben und meine Assistentin greift nach meinem Rollstuhl, der über die vereiste Fläche auf die Straße auszubrechen droht. Es wird grün, meine Assistentin schubst den Rollstuhl an, der Anfahrschwierigkeiten hat, dieser schießt über die Straße und sie gleitet hinter mir her. Neben uns flucht ein Pärchen, die Frau kann sich auf den High Heels kaum halten, ihr Freund umklammert ihren Arm damit sie nicht fällt und sie beschwert sich, dass er so einen festen Griff hat. Verärgert lässt er sie los, woraufhin sie nach seiner Tasche greift um nicht zu fallen. Wir beobachten das Schauspiel kurz, bevor sich meine Assistentin an den Rollstuhl klammert und wir gemeinsam zum Büro schlittern. Ich komme aus dem Erzgebirge, wünsche mir viel Schnee und beobachte hier Bielefelder Menschen die schon bei drei Krümeln glauben, dass sie sich zehn Tonnen Salz in den Garten schütten müssen; die auf der Detmolder Straße entgleisen, weil sie denken man muss den Schneeflocken einzeln ausweichen und dass die weiße Pracht nur bösartiges vorhat. „Also, bei dem Wetter würde ich mich im Rollstuhl aber nicht raus trauen.“, sagt eine Frau an der Bushaltestelle. Sie hat eine rote Nase von der Kälte und ihr Atem bildet kleine Wölkchen. „Tja, müssen Sie ja auch nicht.“, erwidere ich.

Im Büro angekommen empfängt uns die Wärme und die erste Amtshandlung besteht daraus, den Wasserkocher anzuwerfen. Tee rettet Leben. Die Kollegen erzählen vom Wochenende, von Aufgaben die es diese Woche zu lösen gilt und der Weihnachtsbaum wird weggeräumt. Die restlichen Kekse essen wir neben den Radios und schauen durch die Fenster nach draußen. Es flockt fröhlich vor sich hin, doch bevor die erste mutige Schneeflocke den Boden berührt, taut sie auch schon wieder. An der Straßenecke entdecke ich das Pärchen von vorhin. Sie schimpft, er trägt ihr Tasche und sieht sie genervt an und zeigt dann auf sein festes Schuhwerk. „Genau.“, denke ich und betrachte aus der Ferne die Absätze der Lady. Meinen Rollstuhl kann ich leider nicht auf Wintermodus umrüsten, aber wir kommen schon klar. Als meine Assistentin mit dampfendem Tee in der Tür steht löse ich mich von den Keksen und widme mich meiner Aufgabe: ein Café finden.